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Samstag, 25. Juni 2016

Die Spätfolgen der Beziehung für Michael

Die Beziehung zwischen Hanna und Michael war nicht von  Dauer. Dies ist auch nicht unerwartet, angesichts des großen Altersunterschiedes. Im Laufe der Beziehung hat sich Michael zunehmend emanzipiert und von ihr weg entwickelt.  Er hat sich wieder einen eigenen Freundeskreis erschlossen und pflegt dann auch Kontakte zu gleichaltrigen Mädchen, wie zum Beispiel zu Sofie.

Dennoch hat die Beziehung für Michael viele, zum Teil auch sehr unangenehme Auswirkungen. Im Laufe der Beziehung hat er Schuldgefühle, da er das Gefühl hat Hanna zu verleugnen. Er denkt er verrät sie, da er seinen Freunden nicht von ihr erzählt und sich mit ihr ein heimliches Doppelleben aufgebaut hat.



Spätfolgen für Michael

Die Beziehung zu Hanna hat besonders Michael sehr tief geprägt. Er hat bei späteren Freuden immer wieder versucht ähnliche Gefühle her zu stellen, wie er diese bei Hanna hatte. So versuchte er spätere Freundinnen zu überreden genau wie Hanna Seidenstrümpfe an zu ziehen. Seite 17. Diese konnten das aber meist nur unzureichend nachstellen was ihm Hanna damals gegeben hat.


Hanna weckt in ihm bereits nach ihrer ersten Begegnung sexuelle Wünsche. Er hat Samenergüsse im Traum und dies bereitet ihm nicht nur Freude, sondern auch Schuldgefühle. Seite 20.

Zwischen Hanna und Michael kommt es auch gelegentlich zu Unstimmigkeiten. Er unterwirft sich in ihrem ersten gemeinsamen Streit. Dieser bricht aus, als Michael Hanna in seinen Ferien bei der Arbeit besuchen will und sie ihn aber ignoriert.  Seite 50

Seine späteren Freundinnen müssen unter den Spätfolgen der Beziehung zu Hanna leiden. So ist er später kalt und dies bekommt auch Sophie zu spüren. Diese zeigt sich entgeistert über Michaels fehlende Emotionen und  fragt ihn was bloß mit ihm geschehen sei.

Auch Michaels spätere Ehe scheitert.  Er erkennt, dass seine Liebhaberinnen wenigstens ein bisschen so wie Hanna sein müssen, damit er sie lieben kann. Sie müssen ein wenig so riechen wie sie oder sich so anfühlen. Sonst kann er sich nicht auf sie einlassen. 

Dienstag, 21. Juni 2016

Michaels Besuch im Konzentrationslager

Im Buch "Der Vorleser" nimmt die Auseinandersetzung der Hauptperson Michael mit der nationalsozialistischen Vergangenheit seiner ehemaligen Geliebten Hanna einen großen Raum ein. Dies behandelt auch den Besuch im Konzentrationslager. 

Welches Konzentrationslager besucht Michael?
Ursprünglich wollte Michael das Konzentrationslager Auschwitz, im heutigen Polen besuchen. Dies ist aber nicht möglich, da er so kurzfristig kein Visum erhielt. Statt dessen fährt er ins Konzentrationslager Struthof ins Elsaß. Dieses besucht er zwei Mal.

Wann fährt Michael ins Konzentrationslager?
Michael fährt zwei Mal in das Lager. Das erste Mal fährt er dort hin, als der Prozess in welchem Hanna für ihre Tätigkeit in Auschwitz und für ihr Handeln auf dem Todesmarsch, vor Gericht steht eine Pause macht. In dieser Pause ist das Gericht in Israel, um die letzte Überlebende zu vernehmen. Die Tochter dieser Überlebenden hat auch ein Buch heraus gebracht und wird im letzten Teil noch einmal in Erscheinung treten. In dieser Pause ( Seite 144 ) fährt Michael nach Struthof. Auf dem Weg zum Konzentrationslager wird er von einem Fahrer mitgenommen mit dem sich zudem noch eine Diskussion entwickelt ( siehe Beitrag über den Fahrer ).

Wie erlebt Michael seinen ersten Besuch im Konzentrationslager?

Michael durchschreitet das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers und versucht sich das Grauen, welches sich dort abgespielt haben muss bildlich vor Augen zu rufen. Doch heute macht das Lager einen fast friedlichen Eindruck auf ihn.

Er versucht bemüht das dort erlebte Leid nachzufühlen oder wenigstens nach zu vollziehen, doch das gelingt ihm nicht. Er schließt sogar seine Augen, um dem Gefühl näher zu kommen. Das ihm der Versuch der Einfühlung misslingt erfüllt ihn mit Scham.

Was geschieht bei Michaels zweitem Besuch im Konzentrationslager

Michael sucht das Lager ein zweites Mal auf. Diesmal ist es geschlossen. Er erinnert sich bei diesem erneuten Besuch an seinen ersten Besuch hier. Beim Essen gehen denkt er an Hanna und versucht ihre Verbrechen zugleich zu verstehen und zu verurteilen.

Er wirft noch ein interessantes Schlaglicht auf die Sicht eines Deutschen, der die deutsche Geschichte am Ort des Geschehens ergründen will: Es scheint ihm nicht richtig im Elsaß umher zu gehen. Er fühlt sich fast so als habe er kein Recht dort zu sein oder als sei dies unangemessen. 

Dienstag, 14. Juni 2016

Charakteristik Michael Berg

Michael ist die Hauptperson aus "der Vorleser" und zugleich auch der Ich Erzähler des Buches. Die Geschichte beginnt, als Michael 15 Jahre alt. Er hat vom Herbst bis zum Frühjahr die Gelbsucht. Er lernt durch sein spontanes Erbrechen in der Öffentlichkeit und Hannas beherztem Eingreifen Hanna kennen. Von seiner Mutter wird der Junge gezwungen sich bei der netten Frau für ihre Hilfe zu bedanken und ist auch gleich von ihrem Anblick erregt. Seite 15. Als Hanna sich ihre Strümpfe anzieht fesselt ihn der Anblick sehr.

Er denkt nach und kommt zu dem Ergebnis dass  nachdenken und nach dem Ergebnis seiner Gedanken zu handeln zwei verschiedene Dinge sind ( Seite 21 bis 23 ).
So sehr, dass er auch spätere Freundinnen bittet dies nach zu stellen und auch solche Strümpfe für ihn zu tragen. Michael ist durch seine Krankheit von seinen Freunden entfernt ( Teil 1 Kapitel 5 ) und so nimmt ihn die Verbindung zu Hanna noch mehr ein. Er hat Schuldgefühle, denn er hat feuchte Träume in Bezug auf sie. Er "will" sie und so wollte er auch die sündige Tat die darauf folgte ( Teil 1 Kapitel 5 ) .  Mit Hanna hat Michael auch seine ersten leidenschaftlichen sexuellen Erfahrungen und "schreit vor Lust" bei seinem ersten Mal ( Seite 27)

Er findet Hanna sehr schön und hat sich auch aufrichtig in sie verliebt. Als er Hannas Blicke auf ihn bemerkt wird er rot. Ihr gegenüber ist er jedoch nicht vollständig ehrlich, er behauptet 17 Jahre alt zu sein und ist geschmeichelt, dass sie ihm das auch glaubt Seite 35.

Michael hat weder einen großen Ehrgeiz das Schuljahr noch zu schaffen, noch glaubt er wirklich an sich. Seite 37. Doch Hanna ermutigt ihn den Versuch zu wagen und wird auch sehr wütend, als sie erfährt, dass Michael sich so hängen lassen will. Er schafft es aber doch versetzt zu werden.

Er trägt die eleganten Anzüge seines Onkels auf Seite 38, hat auch insgesamt keine Zu8kunftspläne mit Hanna, sondern lebt mehr jeden Tag für sich. Seite 40. Er stellt sich aber schon vor wie die Beziehung in fünf oder zehn Jahren sein könnte.

Um mit Hanna Zeit zu verbringen ist er bereit zu lügen und er stielt sogar ein Geschenk für seine kleine Schwester, um mit Hanna Zeit verbringen zu können. Seite 59 Er möchte sehr gerne Hanna zu sich nach Hause einladen, als seine Eltern im Urlaub sind. Darum ist es wichtig für ihn, dass seine kleine Schwester zu Freunden geht, so dass er Hanna bei sich empfangen kann.

Wider Erwarten schafft Michael das neue Schuljahr und er wird versetzt. Der Beginn des nächsten Schuljahres stellt für ihn eine Zäsur dar. Zum Einen entfernt er sich von Hanna, zum Anderen lernt er gleichaltrige Mädchen kennen und diese gewinnen an Bedeutung für sein Leben. So ist Sophie nun wichtig in seinem Leben ( Seite 63 ). Im Gegensatz zu den gleichaltrigen Jungen ist er im Umgang mit Mädchen sehr erfahren und selbstsicher Seite 64

Hanna vergleicht er mit einem Pferd. Er begründet die Wahl seines eigenwilligen Kosenamens für Hanna damit, dass er nichts Böses in ihr sieht und darum den Namen Pferd für angemessen hält.

In der Beziehung zu Hanna unterwirft sich Michael. Wenn es Streit gibt ist er auf der schwächeren Position und gibt nach.
Er ist sehr kreativ und schreibt sogar ein Gedicht für seine Angebetete, welches er rückblickend als wertlos betrachtet. "Als Gedicht war es nichts wert" Seite 57.

Seinen hohen Bildungsstand zeigt er, der Sohn eines Akademikers, auch durch die Wahl der Bücher. Zudem ist er auf dem Gymnasium wo er eine klassische altsprachliche Bildung erhält. Hier lernt er auch seinen musischen Geschmack aus zu bilden. Er entwickelt eine Vorliebe für Benn und Rilke Seite 57, was klar zeigt, dass er sehr gebildet ist.

Teil 2

Im zweiten Teil sieht Michael die Welt schon anders. Er hat auch einen anderen Blick auf Hanna, die nun nicht mehr seine Geliebte ist, sondern einfach die Angeklagte in einem politisch brisanten Prozess.

Doch zunächst berichtet er rückblickend wie schwierig es für ihn war sich innerlich von ihr zu trennen. Michael vermisst Hanna wirklich über alles. Er hat große Sehnsucht und ruft nach ihr im Schlaf. Er braucht lange um einen Abstand zu ihr zu gewinnen, doch nachdem ihm das gelungen ist verlebt er viele glückliche Jahre in der Schule und hat auch im Studium eine sehr schöne Zeit Seite 83. In dieser Zeit erlebt er auch eine gewisse Leichtigkeit.

Auch im Studium zeigt sich, dass Michael kein willensstarker Mensch ist, vielmehr studiert er rein aus Verlegenheit Jura und nicht aus einem inneren Drang heraus Seite 84.

Menschlich ist Michael nicht gut gelungen, so ist er innerlich kalt geworden. Er führt dies am Beispiel von Sophie an, mit der er nach ihrer Genesung von einer langjährigen Krankheit schläft. Auch sein Fehlverhalten seinem Großvater gegenüber führt er als Beispiel für seine "Kaltschnäutzigkeit" an. Dennoch ist er innerlich sentimental, so weint er bei traurigen Filmen Seite 85.

Er kommt zum Prozess, weil er diesen für seinen Professor dokumentieren soll. Die Studenten sollen den Prozess dokumentieren. Hier ist er zwar mit im KZ Seminar und dessen Gruppendynamik integriert, jedoch fehlt ihm der heftige Aufklärungseifer der 68er den seine Mitstudenten an den Tag legen. Seite 88. Er hinterfragt aber auch die nationalsozialistische Vergangenheit seiner eigenen Familie und befragt beispielsweise seinen eigenen Vater nach dessen Erfahrungen. Eigentlich war Michael aus reiner Neugier in dieses Seminar gekommen, nicht aus dem brennenden Bedürfnis für Aufklärung zu sorgen. Seine Mitstudenten nehmen ihn als distanziert und arrogant wahr.

Den Prozess beobachtet Michael scharfsinnig und genau. Er beleuchtet auch seine Gefühle rund um den Prozess und ist auch über sich selbst und sein Rechstverständnis verwundert. So erscheint es ihm natürlich und richtig, dass Hanna für ihr Verhalten im dritten Reich rechtlich zur Rechenschaft gezogen wird. Während der Verhandlung fühlt sich Michael wie betäubt und nimmt auch die anderen Teilnehmer als betäubt und abwesend wahr. Seite 95/96

Hanna stellt dem Richter die Frage wie dieser an ihrer Stelle gehandelt hätte. Die Antwort des Richters erscheint Michael nicht aussagekräftig und differenziert genug. Dieser macht einen hilflosen und kläglichen Eindruck auf ihn. Daran sieht man, dass Michael durchaus differenziert denkt, sehr philosophisch und sich auch mit dem Richter und den anderen Anwälten nicht kritiklos auseinandersetzt.

Michael hat zwar scheinbar eine enorme Distanz zu Hanna aufgebaut, jedoch nicht wirklich, denn er denkt viel über Hanna nach und erkennt auch seine Verantwortung gegenüber Hanna wenn es darum geht aufzudecken, dass sie nicht lesen oder schreiben kann ( Seite 129 ). Er erkennt eine Diskrepanz zwischen der Realität und der Vorstellung die er hat, bezüglich Hannas Verschwinden: Dies wird ihm aber erst rückblickend klar, als er den Ausführungen während des Prozesses lauscht ( Seite 129 ).


Im Prozess gewinnt Michael ein neues Bild von Hanna und er hat Schwierigkeiten die Bilder aus seiner eigenen Vergangenheit mit ihr mit den Bildern die von ihr als Aufseherin hat in Einklang zu bringen. Seite 141.  Im Prozess verfolgt er zwar jede Sitzung, traut sich aber nicht zu ihr zu gehen. Seite 153. Als ihm klar wird, dass Hanna Analphabetin ist schafft er es nicht den persönlichen Kontakt zu Hanna her zu stellen, jedoch ist es ihm so wichtig, dass er den  zuständigen Richter aufsucht Seite 153.

In Michaels Ausführungen wird zudem deutlich, dass er ein sehr distanziertes Verhältnis zu seinem Vater hat. Dieser ist Professor für Philosophie. Er fragt seinen Vater zwar um Rat, als es um Frage geht wie er sich in Bezug auf Hanna verhalten soll, nimmt es jedoch nicht ernst als sein Vater ihm anbietet er könne jederzeit wieder kommen und um Rat fragen. Zudem merkt er noch an, dass der Vater seinen eigenen Kindern Termine gab, als seinen sie beliebige Studenten.

Teil 3

Nach dem Prozess versucht Michael ein normales Leben weiter zu führen. Er legt aber gewissen Auffälligkeiten an den Tag. So zeigt er während der Ski Freizeit auf die er mit Mitstudenten fährt riskantes, fast schon selbst verletzendes Verhalten. Er fühlt sich seiner Generation nicht wirklich zugehörig und hat auch zu den 68er keine emotionale Verbindung.

Auf jener Freizeit lernt er Gudrun kennen, diese ist wie er in der juristischen Ausbildung. Während Gudrun genau weiß was sie will ist er eher aus Verlegenheit auf der Laufbahn des Rechtshistorikers gelandet. Er vergleicht Gudrun innerlich permanent mit Hanna, jedoch ist er zu verschlossen, um ihr von Hanna zu berichten. Die Ehe verläuft nicht erfolgreich, sie bekommen zwar eine gemeinsame Tochter, jedoch erfolgt die Scheidung in Julias fünftem Lebensjahr.

Michael hat in seiner Berufsfindung Schwierigkeiten. Er nimmt den Job als Rechtshistoriker nur an, weil dieser ihm auch angeboten wurde Seite 171.  Das Eintauchen in die Geschichte und in die Vergangenheit macht ihm aber Freude Seite 172 und Gudrun wirft ihm vor, dass auch dies nur eine Flucht sei.

Noch zehn Jahre nach Hanna hat Michael Schuldgefühle und sie beschäftigt ihn noch immer. So kommt es dazu, dass er ihre Geschichte aufschreibt.


Während Hannas Haftzeit bespricht Michael Kassetten. Zeitlich liegt dies nach der Trennung von seiner Frau Gudrun und Hanna wird eine Motivation für ihn.  Hier rüber führt er akribisch Buch, da er kein Werk erneut aufsprechen will. Daran sieht man, dass er sehr genau und akribisch ist. Auch das er ihr ganze vier Jahr lange Mittelungen überbringt ohne eine Antwort zu erhalten macht deutlich, dass Michael sehr viel Durchhaltevermögen hat. Seite 177. Als Hanna ihm dann doch endlich schreibt freut er sich sehr, nicht nur darüber eine Antwort bekommen zu haben, sondern auch darüber dass Hanna schreibt Seite 178. Dennoch schreibt er Hanna nie zurück, sein Vorlesen stellt er aber nicht ein, sondern hält es weiter nach dem gewohnten Schema durch ( Seite 178 ). Dabei richtet er sich nach keinem festen zeitlichen Takt, sondern folgt keinem Rhytmus. Er hebt aber alle ihre Grüße auf ( Seite 180 )

 Als die Direktorin ihn bittet sich um Hanna zu kümmern, da deren Entlassung bevor steht, ist es Michael scheinbar erstmal nicht recht. Er schiebt auch einen Besuch vor sich her Seite 183.

Als er sie besucht ist er über ihre Alterung erschrocken. Er vermisst den Geruch an ihr, den er so sehr geliebt hat Seite 185 und er findet, dass sie nun wie eine alte Frau riecht. Er reflektiert seine innere Abwehr Hanna gegenüber und stellt fest, dass er ihr keinen Platz in seinem realen Leben einräumen will. Dennoch richtet er ihr eine kleine Wohnung ein ( Seite 189) und fühlt sich in der Zeit vor ihrer Entlassung gehetzt und gestresst ( Seite 190 ). Als Hanna stirbt trauert er um sie ( Seite 193)

Nach Hannas Tod beschäftigen ihn noch lange Gedanken und Schuldgefühle wegen Hanna. Er nimmt sich darum auch die Zeit ihre Geschichte auf zu schreiben. Nun lässt er es aber ruhen, hat dennoch Sehnsucht und Schuldgefühle. Es ist ihm wichtig die Dankesbriefe der Jewish League against Illitercicy an Hannas Grab zu bringen. Das ist auch das einzige Mal, dass er an ihrem Grab steht. 

Sonntag, 12. Juni 2016

Charakteristik von Michaels Familie - Familie Berg

Michael wächst in einer Akademiker Familie auf. Für seine Familie ist gutes Benehmen selbstverständlich. So ist es für die Mutter ohne Frage klar, dass Michael sich bei Hanna Schmitz bedankt, als diese ihm nach seinem Erbrechen hilfreich zur Seite steht. ( Seite 41). Hanna ist gerade einmal zehn Jahre jünger als die Mutter von Michael. Dieser meint, die Mutter sei besorgt wie immer, während der Vater keine Sorge habe, wie immer ( Seite 51).

Zu Hause gibt es keine dramatischen Emotionsausbrüche. Dementsprechend erschüttert ist Michael auch, als Hanna so komplett ihre Fassung verliert. Dies geschieht während des gemeinsamen Ausfluges an Ostern, als er ihr einen Zettel mit einer Nachricht hinterlässt und fort fährt. Die Familie als unemotional zu beschreiben trifft es nicht ganz, jedoch betont Michael, dass man dort mit Gefühlen anders umgeht ( "Bei uns zu Hause weinte man nicht so." Seite 55).

Seine Eltern haben großes Vertrauen in ihn, denn sie lassen den gerade einmal 15 Jahre alten Jungen allein zu Hause, als sie in Urlaub fahren. Seite 58.

Bei einem Treffen mit Hanna kommt es dazu, dass Michael verspätet heim kommt. Obwohl er noch krank geschrieben war behauptet er weit gelaufen zu sein Seite 29. Sein älterer Bruder macht ihn dann herunter, da er sich ja nicht orientieren könne. Michael berichtet er habe sich früher mit seinem kleineren Bruder, der drei Jahre jünger ist als er immer gestritten und gerauft. Michael hat damit irgendwann aufgehört, doch seit dem nörgelt der Bruder immer an ihm herum.

Der Vater erscheint bei all diesen Familienangelegenheiten unbeteiligt. Michaels Vater ist Professor für Philosophie und Michael hat das Gefühl, dass seine Familie für ihn wie Haustiere sind ( Seite 31). Der Eindruck ist, dass das Leben seines Vaters anderswo sei ( Seite 31) und der nörgelnde Bruder, die freche kleine Schwester und er irgendwie nicht richtig wahrgenommen werden. Die Familie hat vier Kinder und scheint ansonsten in Takt zu sein.

Michael teilt sich sein Zimmer mit dem großen Bruder. Seit Michael an der Gelbsucht erkrankt ist muss dieser auf dem Sofa schlafen. ( Teil 2).

Der Vater scheint zwar unbeteidigt und hat auch einen großen Abstand zu seiner Familie, jedoch achtet er genau auf die Zwischentöne im Gespräch. So fällt ihm auf, dass Michael nicht fragt  ob er wieder zur Schule gehen könne, sondern das  Michael dies ankündigt.

Was die Auseinandersetzung von Michaels Familie mit dem Nationalsozialismus betrifft will der Vater nicht über seine Täterrolle reden. Er äußert sich nicht dazu ob er auf der Täterseite oder der Opfer Seite war und Michael weiß nur, dass der Vater auch unter massiven Nachteilen gelitten hat. So hat der aufstrebende Vater Michaels damals eine Vorlesung über Spinozza angekündigt, was genügte um ihn aus seiner Stellung als Philiosophie Dozent zu entlassen. Um seine Familie durch zu bringen wurde Michaels Vater dann Lektor in einem Verlag für Wanderkarten.

Das distanzierte Verhältnis zwischen Vater und Sohn wird auch deutlich, wenn Michael was von seinem Vater will. So vergibt der Vater seinen eigenen Kindern Termine, die sie genau wie die Studenten in seinen Sprechstunden wahrnehmen ( Seite 134) und ihn dann in seinem Arbeitszimmer aufsuchen. Diese Arbeitszimmer wirken auf Michael vertraut und fremd zugleich ( Seite 135).

Als Michael seinen Vater wegen Hannas Analphabetismus um Rat fragt ist dieser inzwischen ergraut und schlecht rasiert. Er philosophiert ausufernd über die Dinge und als sie sich verabschieden sagt er zu Michael, dass dieser sich immer an ihn wenden kann. Michael sagt er glaubte ihm nicht. Dies zeigt wie tief die Distanz zwischen Michael und seinem Vater ist. 

Dienstag, 10. Mai 2016

Die Studentenbewegung / die 68er

Eines der wichtigsten Themen im Buch "der Vorleser" ist die Auseinandersetzung der nachfolgenden Generation mit den Schulfragen innerhalb der Tätergeneration. Dies geschah besonders intensiv im akademischen Umfeld und in der sogenannten 68er Generation. Wir erläutern kurz was es mit dem Begriff der Studentenbewegung auf sich hat und ordnen diese realen historischen Ereignisse dann bezüglich des Romans der Vorleser von Bernhard Schlink ein.

Die Studentenbewegung oder auch die 68er 

In dem Jahr 1968 welches einer ganzen Generation und deren Hauptströmung ihren Namen gab war das Nachkriegs Wirtschaftswunder schon vorbei. Die Inflation stieg und mit diesen steigenden finanziellen Problemen machte sich auch die nachfolgende Generation der Studenten auf und hinterfragte kritisch bestehende Strukturen. Es war weniger die Unzufriedenheit mit den ökonomischen Gegebenheiten, welche die Studenten zu massenhaften Protesten bewog, vielmehr lag das Problem in den antiquierten und ungerechten Strukturen an der Universität. Hier war der Stoff der gelehrt wurde veraltet, ebenso wie die Methoden mit denen Unterricht gemacht wurde. Die Chancen zwischen den Studierenden waren ungleich verteilt, sowohl was die Geschlechter betraf, als auch bezüglich der sozialen Herkunft.

Die Mitglieder des sozialistischen Studentenbundes, der 1947 gegründet worden war war eine der Keimzellen des Protestes. Nachdem 1965 Rusdi Dutschke und Dieter Kunzelmann eintraten wurde der sozialistische Studentenbund eine der Keimzellen des Widerstandes.  Man kritisierte neben den oben genannten Punkten auch, dass es immer noch alte Nationalsozialisten gab, die wichtige Schlüsselpositionen innerhalb der Gesellschaft inne hatten und in Verwaltung, Politik, Lehre und Forschung viel Mitspracherecht hatten. 1961 wurde der Bund von der SPD ausgeschlossen und erhielt nun Zulauf der linken Strömungen.


Gemeinsam mit den Mitgliedern der APO, der außerparlamentarischen Opposistion kam es zu Protesten und Aktionen. So wurden Hörsäle besetzt, Frauen verbrannten öffentlich ihren Büstenhalter und die legendäre Kommune 1 lebte vollständig neue sexuelle Freiheiten und Beziehungsmodelle.

Frankfurter Schule. 

Auch in den Hochschulen brodelte es. Neben neomarxistischen Studentenbewegungen und Protesten der APO gab es auch Wissenschaftler, die sich gegen die aktuelle Gesellschaft wendeten und diese kritisierten und analysierten. Marx, Hegel und Freud bildeten die Ausgangspunkte der Wissenschaftler und Philosophen um Horkheimer und Adorno, die begannen die Gesellschaft unter völlig neuen Aspekten zu differenzieren und mit dem gemeinsamen Werk "Dialektik der Aufklärung" die Bibel der gesamten Akademischen Generation verfassten.

Eskalation der Proteste und Widerstand aus den herrschenden Klassen

Die Politik sah die Proteste nicht gerne und es gab viele Menschen die darin eine ungesunde Umwälzung der gesellschaftlichen Gegebenheiten sahen. Zu seinem traurigen Höhepunkt kamen die Proteste als bei einem Besuch des Schar von Persien ein hohes Sicherheitsaufgebot aufgeboten wurde und im Zuge der Demonstrationen der linke Student Benno Ohnesorg ums Leben kam. Von diesem Zeitpunkt an wurden die Konflikte zwischen den 68er und ihrer Elterngeneration unüberbrückbarer und wurden härter geführt.

Die radikaleren Strömungen formierten sich zu Widerstandsbewegungen, die beabsichtigten die gewünschten Veränderungen und Forderungen mit Hilfe von Terror und Gewalt durch zu setzen. Die Rote Armee Fraktion, welche im deutschen Herbst ganz Deutschland im Atem hielt,

Was machte die 68er Generation aus?
Während einige Leute die 68er als reinen Generationskonflikt sahen war es doch eine gesamte Generation die sich weltweit gegen bestehende Regeln und Normen wendet und tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen herbei führten. In den USA waren des die Hippies, die sich gegen den Vietnam Krieg wandten und sich für Frieden einsetzten.

Die Themen waren

  • Vietnamkrieg
  • Macht und Herrschaft
  • Sexualmoral
  • Emanzipation
  • Faschismuskritik
  • Aufarbeiten von nationalsozialistischen Vorgängen
  • Aufdecken von Funktionären aus der Zeit des Nationalsozialismus
  • Pressekritik ( gegen die "Springer Presse")
  • Erziehung ( Fragen der autoritätern Erziehung)
  • Freuenbewegung 



Michael und die Studentenbewegung

Der Erzähler aus dem Buch "der Vorleser" setzt sich ganz differenziert mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Bereits in der Studentenzeit ( Teil 2 ) beginnt sich Michael durch den Prozess gegen die Aufseherinnen des Konzentrationslagers intensiv mit dem Nationalsozialismus zu beschäftigen. Die Auseinandersetzung verändert sich im Laufe des Prozesses auch, da er ja in seiner ehemaligen Geliebten einen persönlichen Bezugspunkt zu den Aufseherinnen hat. Auch im Gespräch mit seinem Vater wird thematisiert, dass man auch den Täterinnen gegenüber eine Verantwortung hat.

Doch das scheint auch schon das einzige zu sein, was Michael mit den Studentenbewegungen gemeinsam hat, so grenzt er sich sehr deutlich von den 68ern ab und lässt keinen Zweifel daran, dass es ihm nicht darum geht zu dieser Gruppe zu gehören:

EinFach Deutsch ...verstehen. Interpretationshilfen: EinFach Deutsch ...verstehen: Bernhard Schlink: Der Vorleser

 Seite 160
"Als ich das Studium beendet und das Referendariat begonnen hatte, kam der Sommer der Studentenbewegung. Ich interessierte mich für Geschichte und Soziologie und war als Refendar noch genug an der Universität um alles mitzukriegen. Mitkriegen hieß nicht mitmachen - Hochschule und Hochschulreform waren mir letztlich ebenso gleichgültig wie Vietkong und Amerikaner. Was das dritte und eigentliche Thema der Studentenbewegung anging, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit, spürte ich eine solche Distanz zu den anderen Studenten, dass ich nicht mit ihnen agitieren und demonstrieren wollte."
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